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Projekt: Still Life, Seite 2

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Times Square
New York City, New York

Beurteilung von Prof. Charlotte Schröner

Ronen Schmitz bereiste für seine Abschlussarbeit innerhalb eines Monates Metropolen der westlichen Welt. Seine Route ging von New York an die Westküste der USA, es folgten Kapstadt, Sydney, Berlin, um dann in Israel zu enden. Seine 45 Minuten dauernde Installation "Still Life" erhebt den Anspruch, die Orte, die er gesehen und fotografiert und deren Töne er aufgenommen hat, von Klischees zu befreien, sie "anders" zu sehen zu hören. Die Installation war im November 2002 fünf Abende in der ehemaligen Wartehalle des Mainzer Südbahnhofs zu sehen.

Sich bekannte Orte vorzustellen, an denen man nicht gewesen ist, bedeutet in unserer, durch das visuelle Massenmedium Fernsehen geprägten Welt, Bilder zu erinnern, die immer wieder reproduziert worden sind, wie der Times Square in New York, der Schriftzug "Hollywood" in Los Angeles, der Tafelfelsen in Kapstadt, die Oper von Sydney, oder die Klagemauer in Jerusalem. Dieses vereinfachte Bild der Welt, das sich in der ständig wiederholten Abbildung bestätigt, passt nicht zu der politischen Welt. Es stimmt auch nicht mit der sinnlichen Welt, die uns umgibt, überein. Selbst vor den gängigsten Postkartenmotiven werden, wenn wir sie wirklich erleben, alle unsere Sinne angesprochen – und so können wir uns vor Ort von den reproduzierten Bildern befreien. Im Fernsehen dagegen geben die visuellen Klischees höchstens Auskunft über das Medium und dessen Verkürzung. So wurden selbst die Bilder des 11. Septembers zu einem Symbol, das zwar für einen Tag, aber nicht mehr für grausames, wirklich Geschehen, steht.

Die Fragestellung von Ronen Schmitz Arbeit setzt hier an. Gibt es eine Möglichkeit den Bildern der Welt zu entkommen? Sie anders zu sehen? Sie mit ihrer politischen Bedeutung und sinnlichem Wahrnehmen zu füllen?

Um dieses Ziel zu erreichen, dekonstruiert Ronen Schmitz zum einen die visuellen Klischees, in dem er vor bekannten Sehenswürdigkeiten jeweils in alle vier Himmelsrichtungen fotografierte. Entsprechend werden in der Installation auf vier rechtwinklig ausgerichtete Leinwände, die einen Raum bilden, Dias projeziert. Außer dem Daneben und Dahinter wird so auch der Standpunkt des Fotografen sichtbar. Während des Ablaufs der Diaprojektion wechselt man, um die verschiedenen Himmerlsrichtungen besser sehen zu können, ständig den Standpunkt. Aus dieser Methode ergibt sich eine "Subjektivierung" des Blicks. "Objektiviert" wird dadurch eine unterschiedliche sinnliche Wahrnehmung. Die Fotografie, die Ronen Schmitz dafür gewählt hat ist technisch perfekt und zeigt die Städte und Landschaften häufig menschenleer.

Zu den jeweils vier Bildern kommen die Originaltöne der Orte hinzu, die in der Installation aus vier Lautsprechern neben den Leinwänden zu hören sind. Bild und Ton werden getrennt erlebt und bilden nicht wie im Film oder im Fernsehen eine Einheit. Die Geräusche der Orte sind nicht den Bildern untergeordnet, sondern gewinnen während der Projektion manchmal die Oberhand. Zum Beispiel ist eine Serie von Bildern in Tel Aviv nur erklärlich, da die Sirene zum Gedenken an die Shoah zu hören ist. Nur daduch bemerkt man den Stillstand des Verkehrs. Und sieht das, was man ansonsten nicht sehen würde. Während der Aufführung gibt es immer wieder solche Momente der Täuschung und der Veränderung von Sichtweisen.

Das Hin und Her zwischen Tönen und Bildern, den Standpunkten innerhalb der Projektion und die Aufeinanderfolge der Orte machen die Qualität dieser Arbeit aus. Man kann Beziehungen finden, wie zum Beispiel am Ende der Aufführung, zwischen der Berliner Nationalgalerie und der Klagemauer in Jerusalem. In Berlin wird das Bemühen um Pathos mit edlem Granit und Designklassiker-Stühlen sichtbar – in der nächsten Bildfolge sieht man die Klagemauer und deren gegenüberliegende Seite, an der eine Reiher schäbiger Stühle steht. Leider ist gerade an dieser Stelle auch die Konsequenz der Installation, die sich ansonsten nur mit dem Material der vor Ort gefundenen Bilder und Töne begnügt, durchbrochen. Hier wäre es besser gewesen auf den Einstatz von Musik zu verzichten und weiter dem Material zu vertrauen. Trotz diesen kleinen Mankos zum Schluss der Aufführung ist die Arbeit von Ronen Schmitz, die sich an ihren besten Stellen mit aktuellen Arbeiten von Beat Streuli und Fischli/Weiß durchaus vergleichen kann, eine sehr gute und ungewöhnliche Diplomarbeit, die hoffentlich noch häufiger zu sehen sein wird.

Projekt

Still Life
Audiovision für vier Leinwände
Diplomarbeit im Fachbereich Design der Fachhochschule Mainz

betreut von

Prof. Charlotte Schröner
Prof. Tjark Ihmels

Art

Audiovision, Photographie

Uraufführung

10. November 2002,
Schick & Schön, Mainz

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